Bilder der Welt und Inschrift des Krieges Ein Film von Harun Farocki aus dem Jahr 1988

Video: https://vimeo.com/110266926

Auzüge aus einem Interview mit Harun Farouki durch Stefan Reinecke

In deinen Filmen wird die Macht des Augenscheins stets gebrochen, die Bilder werden entschlüsselt und gelesen. Warum muß man den Bildern mißtrauen?

H.F.: Man muß gegen Bilder ebenso mißtrauisch sein wie gegen die Wörter. Es gibt keine Literatur ohne Sprachkritik, ohne daß der Autor der vorhandenen Sprache gegenüber kritisch ist. Ebenso ist es bei Filmen. Man muß keine neuen, nie gesehenen Bilder suchen, aber man muß die vorhandenen Bilder in einer Weise bearbeiten, daß sie neu werden. Da gibt es verschiedene Wege. Mein Weg ist es, nach verschüttetem Sinn zu suchen und den Schutt, der auf den Bildern liegt, wegzuräumen. Ich versuche dabei nicht, dem Film Ideen beizugeben; ich versuche, in Film zu denken, damit die Ideen aus der filmischen Artikulation kommen. So wie es ein Unterschied ist, ob man in einer Sprache denkt und spricht oder ob man das Gedachte in eine andere Sprache übersetzt. Ganz wörtlich habe ich dabei die Texte aus dem Schneidetisch und nicht die Schnitte aus der Schreibmaschine.

Der Film spielt mit Parallelen; z.B.der zwischen der Haltung des SS- Mannes, der die Schönheit der Gefangenen fotografisch einfängt und dem Meßbildverfahren, das dazu taugt, Bauwerke, für den Fall der Zerstörung, rekonstruieren zu können. So gelingt eine Vergegenwärtigung des Vergangenen.

H.F.: Man muß es sich so vergegenwärtigen: Hannah Arendt fand Eichmann lächerlich, sie mußte über ihn lachen. Die Leute heute, die die Massenvernichtungswaffen gebaut haben und die jetzt an SDI arbeiten, sind nicht einmal Ideologen wie Eichmann. Sie sind nicht einmal lächerlich. An uns richtet sich die Frage, warum wir nichts gegen die Vernichtungswaffen tun, die es heute in unserer nächsten Nähe gibt. Damals wurde Auschwitz nicht bombardiert, es wurde nicht gehandelt, wo handeln wir heute nicht? Die Amerikaner sagten, sie müßten zuerst den Krieg gegen die Nazis gewinnen. Wir handeln wie die Amerikaner 1944: Wir brauchen unsere Kraft für etwas anderes. Für was?

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PS: Den Film gibt es, mit einer Auswahl weiterer Arbeiten von Harun Farocki, bei Realeyz.

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