Seasam öffne Dich, ich möchte hinaus … Adornos Kritik an der verwalteten Welt

Ein jeder wird zum „Verwaltungsfunktionär“ seiner selbst gemacht. Adorno bezieht sich mit seinem Ausspruch auf die Flucht aus der verwalteten Welt. Dem Wandel zu einer Utopie der selbst bestimmten Individuen, die mit ihren Eigenheiten koexistieren können.

Im Nachkriegsdeutschland kritisiert Adorno nach seiner Rückkehr aus Amerika um 1950, die fehlende Aufarbeitung der Ursachen des Nationalsozialismus und totalitären Denkens.  Er bescheinigt der Bundesrepublik in den damaligen Strukturen steckengeblieben zu sein. Eine zentralistische Abhängigkeit der Bürger, die dadurch in einer Unmündigkeit gehalten würden und sich über die Konformität gesellschaftlich einfügen müssten. Die Bürger verzichteten damit auf die Autonomie, die eine Demokratie benötige. Adorno machte dabei die damalige Kulturindustrie in dahingehend  mitverantwortlich, dass dem Bürger diese Erkenntnis fehle. Er befürchtete als Resultat die Schaffung eines totalitären Potenzials, dass durch den Zwang der Konformität nur noch weiter potenziert würde.

Adorno war Verfechter der abstrakten Kunst und brachte seine Ansichten in öffentlichen Diskussionen vor. Für mich interessant war, dass es scheinbar nach Kriegsende die Wurzeln der „entarteten Kunst“-Debatte weiterhin gab und darüber scheinbar verdeckt Xenophobie zum Ausdruck gebracht wurde. Man könnte schon fast vermuten diese Diskussion war exemplarisch für die fehlende Aufarbeitung. Adorno begrüßte diese Kunst, die nicht mittels der Harmonie ein größtmöglichstes Publikum zu erreichen versuchte. Vielmehr sah er in der Andersartigkeit und ihrer Disharmonie ein Zeichen für eine funktionierende Demokratie. Ein Indiz für eine Gesellschaft, die diese Andersartigkeit verkraften und tolerieren konnte. Des weiteren sah er in der Kunst und ihrer Freiheit auch eine notwendige Ausdrucksform möglicher Gesellschaftskritik.

Er fordere eine Stärkung des selbst durch „selbständiges unbeirrtes konsequente Denken“ um einem „kollektiven Narzissmus“ zukünftig zu verhindern. Adorno sah jedoch diesen Anspruch als unrealistisch gegenüber der damaligen Realität an und fordert zumindest eine „standhaltende Diagnose seiner selbst und die der Anderen“ um mittels Bewusstsein dem Unheil ihre verhängnisvolleste Gewalt, die der Blindheit, zu entziehen.

Adorno hatte Einfluss auf die politische Studenten- und Protestbewegung der sechziger Jahre, die er  jedoch nicht antizipiert hatte. Adorno zeigte dabei Verständnis für die pazifistischen Strömungen aber äusserte Bedenken, dass die zu stark intellektuellen und radikalen Forderungen nach gesellschaftlichen Wandel nur die Herrschenden gegen die Intellektuellen aufbringen würde. Er gab auch zu bedenken, dass durch spektakuläre Aktionen und Demonstrationen, an den bestehenden Machtstrukturen nicht viel zu verändern sei. Er meinte die Bewegung „versperre“ sich die entscheidenden Möglichkeiten des gesellschaftlich Eingriffs („… dem langen Marsch durch die Institutionen“1). Adorno blieb als kritische eigenständiger und prinzipientreuer Beobachter dem Diskurs, bis zu seinem Tod im Jahre 1969, erhalten.

Adorno-Sesam öffne Dich

Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno (* 11. September 1903 in Frankfurt am Main; † 6. August 1969 in Visp, Schweiz; eigentlich Theodor Ludwig Wiesengrund) war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist.
Definition aus Wikipedia – Theodor W. Adorno

  1. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um ein von Adorno geprägten Ausdruck, sondern vielmehr hat Rudi Dutschke diesen geprägt. Gesellschaftlich hat dieser Aufruf nur partiell, stark verzögert und indirekt gewirkt.